Motocross
Alles tut weh: die Oberschenkel brennen, die Schultern schmerzen, die Unterarme sind bereits ohne Gefühl. Der Schädel dröhnt noch zusammen mit dem dumpfen Schmerz der kompletten rechten Seite vom Sturz gestern bei der Qualifikation. In diesem Moment schiesst dir eine Fontäne aus Dreck und Steinen vom Hinterrad deines Vordermanns entgegen. Noch während du das Prasseln auf dem Startnummernschild hörst, spürst du schon die Einschläge auf Brustpanzer, Hals und Gesicht. Tränen schiessen dir in die Augen, als ein Stein punktgenau auf die Knöchel der rechten Hand trifft.
Und das, wo du gerade die Bremse vor diesem tückischen Anlieger der nächsten Kurve ziehen musst. Mit verschwommmenem Blick visierst du die Kurve an. Widerwillig stemmst du dich gegen die Verzögerungskräfte. Deine Arme können dagegen nicht mehr viel ausrichten, deshalb schlägt dir der Lenker in die Hände.
Ein kurzer Adrenalinstoss lässt dich die Schmerzen vergessen, als du kurz daran zweifelst, ob du die Kurve noch erwischt. Irgendwie schaffst du es nochmal, das Bike in Schräglage zu bringen und du geniesst den Moment, dich kurz hinsetzen zu können. Mit einem kurzen Rupfer an der Kupplung ziehst du das Gas am Kurvenausgang voll auf. Der Motor dröhnt auf, Vibration durchziehen deinen geschundenen Körper. Widerwillig tänzelt das Hinterrad durchdrehend hin und her bevor es den Anlieger voll erwischt und dich nach vorne katapuliert. Sofort bereust du aus Kraftgründen nicht aufgestanden zu sein, als dir das Heck in den Beschleunigungswellen ins Kreuz schlägt.
Der Beschleunigungsrausch lässt dich wieder den Vordermann anvisieren, der dir scheinbar mit Absicht wieder seinen Roost entgegenschleudert. Diesmal hast du aber eine andere Linie gewählt. Mit dem Motor am Drehzahlbregrenzer fährst du wide open über die 22 Spurrillen auf den Table zu. du weisst, du kannst ihn nur dort überholen, wenn du einfach schneller über den Table fährst. Schneller als sonst. Schneller als du dir zutraust. Schneller über eine andere Linie als sonst. Schneller als vor einigen Wochen, als dich der Table zu drei Wochen Pause gezwungen hatte. Du hebst ab und geniesst diesen kurzen Moment der Stille. Du siehst, dass dein Gegner nicht deinen Mut hatte und hinter dir zurückbleibt. Trotzdem hast du ein ungutes Gefühl. Du bist viel höher als sonst. Als du die Landung anvisiert, stellst du fest, dass du sie nicht mehr erwischen wirst. Du bereitest dich auf den Einschlag vor. Dieses Gefühl kommt dir bekannt vor. Es scheint eine Ewigkeit zu dauern.
Bei der Landung ziehst du das Gas voll auf, um den Aufschlag abzumildern. Das Fahrwerk schlägt krachend durch. Als es deinen Oberkörper auf den Lenker schlägt, weisst du wieder wozu Lenkerpolster und Brustpanzer gut sind. Schlingernd bringst du das Motorrad wieder unter Kontrolle. Innen zieht dein Hintermann wieder an dir vorbei. Trotz Helm kannst du irgendwie sein breites Grinsen erkennen. Das Spiel beginnt von Neuem...
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